Die mediale Taufe für Kinder

Ich hab nie verstanden, warum Menschen ihre Kinder bereits als Baby bei der Kirche einschreiben. So eine Taufe wär in meiner Vorstellung ein schönes Ritual, wenn Mensch sich bewusst für eine Religion oder Lebensphilosophie entscheidet. Aber da gehts um Traditionen, die weiter gegeben werden und die ich nicht (hier) hinterfragen möchte.

Was Eltern bisher immer hinterfragt haben, war die Art der Kommunikation ihrer Sproesslinge. Meine Eltern konnten nicht verstehen, warum „Billy Idol geil“ sein sollte (sie hatten Ronnyie’s Popshow mit der Spucke-Einlage nicht gesehen.) In meinen Augen war hingegen ihre Sprache altbacken und die Kommunikationsformen sowieso. (Wir kommunizierten via Zettel-zustecken oder Telefon wenn keiner daheim war).

Aber keinesfalls fühlte ich mich je mit der Kamera belästigt, unfreiwillig getauft oder gar bloss gestellt von meiner Familie. Nie wäre ihnen in den Sinn gekommen, Babyfotos von mir in ihre Bewerbungsunterlagen zu packen oder herzige Schmalspurfilme an öffentlichen Veranstaltungen (Events gabs noch nicht) zu präsentieren.

Gruppe zum Thema Baby in Facebook Das Bild hier ist nur ein Sinnbild für das was ich meine.

Heute scheinen manche Eltern ähnlich wie bei der Taufe ungefragt gleich zur Geburt die Social Media Spur für den Nachwuchs zu legen. Eine Art mediale Taufe.
In Facebook seh ich Profil(!)-bilder mit Papa+Baby-Symbiose und Beweise von nahezu jeder familiären Begegnung. Gestern sah ich auf dem Profil eines indischen Kollegen das Baby seiner Freunde in der Schweiz, mit vollem Namen der Eltern vertaggt.

Dass wir selbst publizieren, was wir denken und tun, ist für mich normal geworden. Wenn Menschen nicht erwähnt oder gezeigt werden wollen, respektiere ich dies. Sollen wir nicht auch den Kindern überlassen, was sie (später) von sich im Internet sehen möchten? Ich empfinde dies als ein persönliches Recht, dass wir jedem zugestehen müssen, wenn es in unserer Macht liegt.

Wir erlernen zur Zeit eine neue Medienkompetenz, die wir später weiter geben. Diese darf gerne von Respekt und Weit-, Rück- und Vorsicht geprägt sein. Was wir heute posten ist unter Umständen für ewig im Web auffindbar. Nachdenk bevor post!

PS: zum Thema Medienkompetenz kommt in Kürze mehr.

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13 Kommentare zu “Die mediale Taufe für Kinder

  1. Marco Peter schrieb am :

    Absolut gleicher Meinung! Offtopic: Smartphone ein Fluch und Segen zugleich? Braucht ein 8 jähriges (!) Kind ein Smartphone? Tendenz sinkend… Die 4-Augen Kommunikation beispielsweise im Zug findet nicht mehr statt. Alle starren auf ihren ständigen Begleiter. Bei allem Respekt zu den neuen Kommunikationsmitteln….

  2. Pingback: Social Media, für KMU ein Heimspiel | Netwoman's Blog

  3. Pingback: Danke Wordpress | Netwoman's Blog

  4. Dankeschön Euch für Eure Ideen, Tweets oder Bestätigung. Ich hatte ein wenig gehofft, auch konträre Meinungen zu bekommen. Um auch besser zu verstehen, warum man das tut. nun denn.

  5. Die guten alten Zeiten der Fotoalbum-Kultur sind vorbei und du hast absolut Recht: Ich kenne sehr viele Leute, die in der virtuellen Welt einen Schrein für ihren Nachwuchs erichtet haben. Ich sage: Back to the roots! Was ist schöner, ein Fotoalbum mit der Familie anzusehen….?

  6. Schöner Beitrag mit feinem Gespür!
    Einer meiner Facebook Freunde, sie ist Mutter, nutzt als ihr Profilbild ein Bild ihres Babys. Ob es ausserhalb der ‚Freunde‘ sichtbar ist, weiss ich aber nicht.

    Und das Thema ‚Medienkompetenz‘ beschäftigt mich ja auch immer wieder z.B. auf meinem Blog http://blog.hdzimmermann.net/search/label/Medienkompetenz, rein professionell natürlich, aber auch als Vater. Hier liegt noch sehr viel im Argen, und die Politik hat das Gefühl mit Aktionen ‚Schulen ans Netz‘ ihren Beitrag geleistet zu haben.

  7. Meiner Meinung nach sollte man sich erst mit ausgewachsenem Frontallappen im Gehirn um religiöse Zugehörigkeit klarwerden dürfen, sowas gehört zum selbstbestimmten Leben. Und ich bin auch der Meinung, dass ganze Generationen heutiger Kinder, deren Kindermund- und Babybild-Geschichten im Netz verklappt werden, das zum späteren Anstossstein für üble Auseinandersetzungen mit ihren medial inkontinenten Eltern nehmen werden.
    Das klingt jetzt vielleicht schlimmer als es ist, jede Generation hat da ihre eigenen Steine. Aber interessant wird das sicher.

  8. Hach, schön dass ich nicht alleine mit meiner Einstellung, auch wenn ich ab und zu mal ein Bild ins Netz stelle auf dem ein Kind von mir drauf ist. Dabei gehts aber meistens ums Bild nicht die Kinder.
    Btw. Wenn ich wie heute, wo ich in Villeret die angehenden Yogalehrer in Surya Namaskar unterrichtete, ein Video aufzeichne frage ich vorher die ev. auf dem Bild erscheinenden Personen sogar zum voraus, ob das für sie in Ordnung gehe obwohl ich meines Erachtens nicht dazu verpflichtet wäre. – puah, das war jetz aber mal ein langer Satz 😉

  9. Cyrill Schmid schrieb am :

    Sehe ich genau so! Als Vater von noch nicht „Social-Mediasierten-Kids“ mache ich mir öfters Gedanken, wie ich das Thema mit den ihnen (wohl schon bald) angehen soll.

    Unsere Kids sind also noch nicht im Web 2.0 angekommen – zumindest nicht derart, dass man sie auf Fotos erkennt – oder ihren Namen weiss.

    Ich halte es grundsätzlich so: Ich kenne im Facebook keine Gruppen. Entweder dürfen es alle wissen oder es ist privat – und um Privates zu erfahren, muss man mich persönlich kennen und auch treffen…. Ganz einfach.

    Meine Kids im Facebook:
    http://www.facebook.com/photo.php?pid=1729630&l=6cdb01572e&id=1371724600

  10. so wie sich das anhört, solltest du das Thema Medienkompetenz besser vorziehen, im Interesse aller;) Ich will mir gar nicht vorstellen, wie das sein muss, wenn man als Jugendlicher Social Media betritt und erkennt, dass man quasi schon da ist, inklusive aller Details…