Gedanken zum gelöschten Tweet

Nein, ich will nicht auch noch über den viel diskutierten Polit-Tweet schreiben, nicht inhaltlich. (Nachtrag 27.6., 8.00: Der Inhalt schockiert mich selbstverständlich ebenso wie die meisten.) Das könnt ihr in den Medien nachlesen. Aber es treiben mich doch ein paar Gedanken dazu um.

Eine waschechte Krise für eine Person entstand. Online Profis beschrieben bisher Krisenkommunikation mit einem Start in Social Media, einigen Runden dort, um erst nach längerer Zeit und einer gewissen kritischen Masse im Web schlussendlich in den klassischen Medien aufgenommen zu werden.
Nun beobachte ich seit ein paar Wochen, dass Schweizer Medien Social Inhalte oft 1:1 und am selben Tag aufnehmen. Ich verkneif mir jetzt nicht, dass ich den Link zur Quelle oft vermisse. Beispielsweise wurde über Juliane (@einaugenschmaus) berichtet, ohne ihren Twitternamen zu nennen. Dies jedoch sollte dem Autor Respekt zollen und dem Leser Mehrwert bringen in meinem persönlichen Online Verständnis. Dazu ein andres mal mehr, (Nachtrag, 27.6., 8.05 denn in diesem Fall ist es ja technisch gesehen gut so)

Jedenfalls konnte ich noch vor ein paar Monaten nicht mit Leuten ausserhalb der Online Branche über Tweets oder Gesichtserkennungssoftware reden, denn diese Themen fanden schlicht nicht in TV, Radio und Zeitung statt. Nun ist das anders.

Die Mediengrenze scheint (endlich) gebrochen.

Blogger, Twitterer sind ganz nah am Fernsehen, der NZZ oder dem Abt von Einsiedeln und Viktor Giacobbo. Man kennt sich aus Twitter. Ja, man kennt, duzt und tauscht sich aus, ganz persönlich.

Diese Nähe, Vertrautheit und gleichzeitig Öffentlichkeit sind eine ungewohnte Mischung. Mancheiner stolpert darüber, wie Herr Müller aus obigem Fall. Es ist nicht (mehr) die kleine Online Welt, die sich über irgendetwas äussert und über die Medien lästert, die nichts mitbekommen.

Einmal mehr bringt mich das auf das Wort, Behavior.

Es geht nicht nur um die Kommunikation und das (mehr oder weniger wohl überlegte) geschriebene Wort, sondern um das Verhalten im Leben, das wenig später online abgebildet wird. Der Kommunikationsprozess beginnt schon beim Gedanken oder beim Tun. Wir sind der Wahrheit heute ein grosses Stück näher durch Echtzeit und die berühmte kreisende Erregung, beschrieben von Prof. Kruse. Ich sehe keinen Unterschied ob Firma, Privatperson oder Politker.

Behavior, das Verhalten, der Umgang miteinander und das wie es die Leute empfinden ist für mich der Schlüssel. Eric bezeichnet es als Mob in seinem Beitrag. Dani schlägt ein Tool vor, dass zwar Transparenz fordert aber nur bei Politikern. Wollen wir wirklich mit zweierlei Mass messen? Ich befürchte da einen Trend zum Online Pranger, der mit einem Nicht-Austausch endet. Wenn eine Seite beginnt zu löschen und zu schweigen.

Dialog statt Pranger, Schweigen und Schönrederei

Wenn wir von neuer demokratischer Online Kommunikation sprechen und sie auch leben möchten, um die Gesellschaft damit besser zu machen, dann sollten wir selbst beim Gedanken der Gleichheit beginnen. Jeder kann sich äussern, damit sollten wir lernen umzugehen, auch wenn wir inhaltlich nicht einverstanden sind. Das kennen wir doch aus der Shitstorm-Ära. Andernfalls verharren wir im Modus der Schönrederei, alten PR Mustern (wir sind die Guten) und der eigentliche Austausch bleibt auf der Strecke. Der mir nicht nur in diesem Beispiel dringend nötig scheint. Ist es wirklich ein Erfolg, wenn ein Twitterer dann den Inhalt löscht, abtaucht und evtl. später anonym wieder auftaucht?

Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin entsetzt über solche menschenverachtenden Äusserungen, aber ich befürchte, das das Gedankengut nicht so leicht zu löschen ist wie ein Tweet ….

PS: natürlich wisst ihr, dass der Tweet auch weiterhin auffindbar ist im Web, wenn er gelöscht ist. siehe Mikes Tweet mit Shot

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13 Kommentare zu “Gedanken zum gelöschten Tweet

  1. Daniel Graf schrieb am :

    Liebe Su, ich will sicher keinen Online-Pranger. Auch Meinungsfreiheit ist mir wichtig. Gleichzeitig gelten für gewählte PolitikerInnen andere Spielregeln als für Privatpersonen. Beispielsweise ist die Anforderung an Transparenz klar höher. Deshalb ist es für mich richtig und legitim, mit Tools wie http://www.politwoops.nl/ gelöschte Tweets von PolitikerInnen zu dokumentieren.

  2. Daniel Graf schrieb am :

    Liebe Su, ich will sicher keinen Online-Pranger. Auch Meinungsfreiheit ist mir wichtig. Gleichzeitig gelten für gewählte PolitikerInnen andere Spielregeln als für Privatpersonen. Beispielsweise ist die Anforderung an Transparenz klar höher. Deshalb ist es für mich richtig und legitim, mit Tools wie http://www.politwoops.nl/ gelöschte Tweets von PolitikerInnen zu dokumentieren.

  3. Liebe Su

    Zuerst: Dein Artikel finde ich gut! Den Aspekt der Professionalität zu beleuchten, Behaviour (für Firmen CB). Ich glaube das trifft den Nagel auf den Kopf. Man baut sich ja mit dem persönlichen Verhalten (online oder offline) ein branding auf, ja branding. Egal was man macht oder sagt, das personal branding wird geformt. Idealerweise versucht man dieses zu steuern, auch gemäss aller Regeln des zwischenmenschlichen Dialogs. Dafür gibt es halt einige Regeln zu beachten, macht man das nicht Reguliert sich das System (online oder offline) in der Regel von selbst. Manchmal braucht es seine Zeit.

    Nun ich bin der oben mehrfach genannten Person auch nicht gefolgt, und möchte das auch nicht kommentieren. Es gibt immer solche Menschen die versuchen ihre Botschaften auf eine solche Art und Weise zu verbreiten. Das ist nicht der erste und wird nicht der letzte sein.

    In diesem Sinne wünsche ich allen gutes gelingen 😉

  4. Nachdem ich mir auch bereits einige Gedanken zum Thema Social-Media-Zitate in den Medien gemacht habe, rückt dieser Post einen neuen Aspekt ins Rampenlicht: Ist es richtig, zweifelhafte Botschaften wieder und wieder auf allen Kanälen zu verbreiten und anzuprangern?
    Auch für mich macht es prinzipiell keinen Unterschied, ob Private oder Promis zitiert werden – ausser, dass Prominente mehr Sensibilität für das Verteilen von Botschaften in der Öffentlichkeit haben sollten. In beiden Fällen stört mich am meisten das unreflektierte Mit-Prangern (Neudeutsch Re-Prangern) von Zitaten: wenn vermeintlich verwerfliche Botschaften ohne Hinterfragen, ohne Prüfen, ohne eigene Recherchen weiterverbreitet werden und so den Absendern zu Publizität verhelfen, die sie kaum gewollt und oft auch nicht verdient haben. Gerade den Tweet von Herrn M. habe ich in verzerrenden Varianten gelesen. Und der Hinweis «es gilt die Unschuldsvermutung» ist mir in Pranger-Meldungen noch nie aufgefallen.
    Zu einem offenen Dialog gehört auch, andere auf (vermeintliche) Fehler aufmerksam zu machen und Ihnen Gelegenheit für Korrekturen, Berichtigungen oder gar das Löschen von Falschmeldungen zu geben. Zumindest bei Bagatellen, Versehen oder offensichtlichen Fehlern. Bei krassen Verstössen gegen Anstand, Menschenwürde oder Gesetze gibt es hingegen kein Pardon. Da heisst es Beweise sichern und melden – am besten an eine zuständige Stelle und nicht (nur) an den eigenen Bekanntenkreis.

    • Lieber Thomas
      Ich weiss nicht genau, was du mit deinem Kommentar aussagen möchtest und wie ich das interpretieren soll. Auf mich wirkt es, als ob du den „Mitprangern“ vorwirfst, dass sie ohne zu prüfen und leichtfertig einfach mal „Öl ins Feuer giessen“. Der Grund, warum ich bei diesem Fall dermassen „erzürnt“ und „in Rage“ bin und „mitprangere“, ist dass ich (und gaaanz viele meiner Twitter-Bekannten) mehrfachen „Kontakt“ resp. versuchte Dialoge mit dieser Person hatten, und zwar seit Monaten und Jahren. Wir haben ausschliesslich Beleidigungen auf absolut primitivstem Niveau geerntet. Mich hat dieser freundliche Herr in einem seiner Blogs sogar diffamiert, ohne ersichtlichen Grund (resp. im Vergleich zu seinen Beschimpfungen war mein Kommentar, der nicht mal an ihn ging, sehr „dezent“). Mein Kommentar auf seinem Blog dazu (der sehr freundlich formuliert war) wurde trotz mehrfacher Nachfrage nie freigeschaltet. Und meine Bitte, diese Beleidigung von seinem Blog zu entfernen, wurde auch nie erhört.
      Ich weiss nicht genau, über wie lange jemand konstant Dinge auf unterstem Niveau tweeten und bloggen muss, damit für dich genug klar ist, dass es sich schlichtweg nicht um ein Missverständnis oder einen Ausrutscher sondern um eine krankhafte und zerstörerische Haltung handeln muss.
      Das war mir wichtig, hier kurz klar zu stellen, warum ich in diesem Fall etwas hart bin. Es soll ein klares Signal gesendet werden, dass für solche Aussagen (sofern es keine einmaligen Ausrutscher, sondern erwiesenermassen systematische Verstösse gegen ein Gesetz sind) die Toleranzgrenze schlicht null ist.
      In einem anderen Fall, wo der Hintergrund und die Geschichte unklar sind, stimme ich dir absolut zu. Da ist vorschnelles (Ver-)Urteien nicht angebracht sondern es soll der Dialog gesucht werden, die Person soll sich erklären dürfen. Aber der Fall von A.M. liegt nun wirklich komplett anders….glaube mir, mehrere Duzend Twitterer und ich sind der lebendige Beweis dafür.

      • Liebe Tania, du hast mich schon richtig verstanden, nur war es nicht meine Absicht dich zu kritisieren oder irgend jemanden in Schutz zu nehmen – das möchte ich auch gerne klarstellen. Als eine, die offenbar selbst betroffen und «Augenzeugin» ist, hast du natürlich das Recht, auf die Missstände hinzuweisen. Und du weisst auch genau, was du anprangerst. Mich stören nur Mitläufer, die Nachrichten weitergeben, deren Absender sie kaum kennen und deren Richtigkeit sie nicht prüfen. Dir wünsche ich von Herzen, dass du künftig fair behandelt wirst und dass du für berechtigte Kritik auch Unterstützung bekommst.

  5. Susann Bodmer schrieb am :

    Liebe Su, deine Gedanken kann ich sehr gut nachvollziehen. Sie klingen nach in mir. Vor allem die Punkte „an den Pranger stellen“ und die „freie Meinungsäusserung“. Können wir unsere Meinung tatsächlich frei äussern? Ich kenne diesen Herrn Müller nicht, auch nicht sein Gedankengut, aber eins ist klar: seine durchaus unüberlegte Aussage hat immense Auswirkungen auf sein berufliches und privates Leben. Ist das wirklich gerechtfertigt?Was wollte er überhaupt damit sagen/anregen? Ein Austausch oder offene Diskussion ist so ja gar nicht mehr möglich. Ich befürchte, dass genau die mediale und öffentliche Reaktion langsam verhindert, uns überhaupt noch frei und ehrlich zu äussern. Man wird sofort schubladisiert und verurteilt. Dadurch werden wir allmählich mundtot gemacht!Die Folge ist dann Feigheit, Mutlosigkeit oder dann Abtauchen in womöglich gefährliche Subkulturen.

    Dies sind nur meine Gedanken im Allgemeinen. Natürlich gibt es Grenzen, wo Zensuren und Konsequenzen nötig sind.Vielleicht auch bei Herrn M. Wie gesagt, ich kenne ihn und seinen Hintergrund nicht.

    Susann

    • Ich bin der Meinung, wir können unsere Meinung frei äussern. Dies ist jedoch Ansichtssache. Meine Aussage stimmt soweit, dass niemand daran gehindert wird, seine Meinung zu äussern. Jedoch muss man sich der Konsequenzen durchaus bewusst sein, freie Meinungsäusserung bedeutet nicht, dass anschliessend alle nett sein müssen.

      Die Reaktionen auf den Kristallnacht-Tweet kamen nicht einfach so aus dem Nichts. Der Tweet war der bekannte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Es war nicht die erste Aussage in diese Richtung und hat nun dazu geführt, dass nicht mehr alle einfach kopfschüttelnd weggesehen haben.

      Behavior ist aus meiner Sicht ein gutes Stichwort. Und dazu braucht es zumindest ein klein wenig Sozialkompetenz. Hätte sich der Herr M. anstatt sich recht zufertigen zwischendurch mal Versöhnlich gezeigt, ihm wäre der verhängnisvolle Tweet vielleicht entschuldigt worden.

      Anstand und Benehmen ist auch in der virtuellen Welt wichtig, um so mehr als dass diese nicht so einfach vergisst.

      • Susann Bodmer schrieb am :

        Lieber Alex,
        ich bin mit deinen Gedanken voll einverstanden und muss dir im Nachhinein Recht geben, was diese Person betrifft.

  6. Gut geschrieben liebe Su. Danke.

    Jeder Twitterer möchte Aufmerksamkeit, ob es es zugibt oder nicht. Ich denke wenn man dann plötzlich gehört wird und das mit einer solchen Reichweite, wird einem wohl erstmals richtig bewusst was da passiert ist. Ich spreche jetzt nicht von diesem vielbesagten Tweet, ich spreche von der Reaktion auf etwas das was man ja eigentlich damit erreichen möchte, aber nicht daran glaub diese Reichweite auch tatsächlich zu erhalten.

    Die Kommunikation wird sich in den nächten Jahren dank dem digital nativ Nachwuchs garantiert verändern. Wir dürfen gespannt sein. Denn ich hoffe nicht das wir wieder in alte Raster fallen und es durch Zensuren & Löschtasten zu einer eingeschränkten Meinungsfreiheit kommt.

    Grüässli Mona

  7. Liebe Su, danke für deinen konstruktiven Beitrag.
    Grundsätzlich stimme ich dir in vielem zu. Die Thematik ist auch komplex und es gibt kein Schwarz/Weiss. Meine Meinung zu dieser Aussage: „Jeder kann sich äussern, damit sollten wir lernen umzugehen, auch wenn wir inhaltlich nicht einverstanden sind.“ Ja, jeder kann sich äussern. Dies von vornherein zu verbieten macht sicherlich keinen Sinn. Ich bin jedoch der Meinung, dass Aussagen wie „es sollte doch mal eine linke Politikerin Opfer einer Vergewaltigung werden, damit sie etwas gegen die Nordafrikaner unternimmt“ oder dass sich jemand Krieg wünscht, damit er „all die Arschlöcher erschiessen kann“ – nein, da finde ich (da es in diesem Fall eine monate- und jahrelange Vorgeschichte hat): Das geht zu weit. Das darf nicht unkommentiert und ohne Folgen bleiben. Und in einem Fall, wo jemand ein öffentliches Amt bekleidet (notabene Schulpflege) und sich die Aufhebung vom Schutzalter der Prostitution wünscht (wieder auf 16 runter) weil er „sonst in seiner Freiheit eingeschränkt sei“….da sollten doch alle Alarmglocken läuten. Meines Erachtens wäre es absolut fahrlässig, nicht zu handeln. Denn sonst sendet man ja die Botschaft an alle, die diesen Blog / Twitteraccount lesen oder nach gewissen Begriffen suchen „hey dieses Gedankengut ist normal und okay und hat keine Konsequenzen“. Eigentlich dauerte diese Geschichte auch schon viel zu lange, man hätte m.E. eher intervenieren müssen.

    Meine Hoffnung ist, dass dieser Fall abschreckend wirkt und es kein „Kavaliersdelikt“ mehr ist, frauenfeindliche und rassistische Äusserungen zu schreiben. Man sagt ja so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

    • Liebe Tanja, danke fuer diese schockierenden Hintergrundeinsichten, ich hatte dieser Person nicht gefolgt und gestern blockiert. Tut mir leid, wenn ich das nicht deutlich geschrieben hatte. Mir geht es nicht um das Nichtreagieren, im Gegenteil. Denn auch uns steht es zu sich zu aeussern, wenn man betroffen ist. Die Palette vom Handeln ist breit und hier hatten wir eine Art Glueck, dass mal naeher geprueft wird. Mir machen aber auch Sorgen, dass immer wieder seine Worte zitiert werden, dadurch zu ihm verlinkt wird und unter Umstaenden weitere Menschen mit solchen Gedanken aufmerksam, zusammen gerufen und sogar motivert werden koennten. V.Giacobbo schrieb gestern so treffend ‚eewaehnt seinen Twitternamen doch noch haeufiger, damit er noch mehr Follower (Reichweite) bekommt. Diesen Aspekt hatte ich gestern beim Bloggen nicht beruecksichtigt, aber deshalb den Tweet auch nicht woertlich wiederholt.