Content Wahnsinn – oder einfach mal abschalten

„Kannst du dir das in deinem Job erlauben, 3 Wochen offline zu sein?“ fragte eine Kurs-Teilnehmerin als ich ihr von meiner bevorstehenden Reise nach Costa Rica erzählte. Und ich antwortete ihr, „Es wird niemandem auffallen“. So ganz sicher war ich mir zwar nicht, denn früher hatte ich immer eine Stellvertretung, wenn ich auf Reisen ging. Wegen der Frage wurde es für mich ein kleines Experiment und ich meldete mich nicht via Facebook und Twitter ab.  Dort gab es dann auch keine Vermisstenmeldungen. Ehrlich gesagt, meine Mail-Inbox war das einzige Kommunikationsmittel, das mich vermisste für Telefon-Vertretung hatte ich gesorgt. Das ist schon ein paar Wochen her, aber die Aussage beschäftigt mich immer noch.

Dürfen Unternehmen fehlen?

Viele Unternehmen haben die Herausforderung angenommen. Kaum müssen wir Berater mehr argumentieren, warum sie in Social Media investieren müssen. Sie haben Blogs, Redaktionspläne und manche machen gar Verlagshäusern Konkurrenz. Es wird Content produziert auf Teufel komm raus. Schliesslich geht’s (immer noch) um den König. Die Verantwortlichen lernen, über die künstlichen Barrieren hinweg, ihre Zielgruppen zu erreichen, unterhalten, schreiben locker und selbstverständlich werden alle konsequent geduzt, weil es die Sprache des Internets ist. Man weiss oder ahnt zumindest wie der Edgerank zu umschiffen ist, und dass man auch mal am Wochenende posten muss, um gesehen zu werden. In den Strategien sind schliesslich Ziele formuliert, die auf Zahlen setzen. xy Interaktionen, Impressions, Kommentare, Sharings..

Die vielen Gelegenheiten aber, sich an einem bereits bestehenden Dialog (zu firmen-relevaten Themen) zu beteiligen bleiben immer noch oft ungenutzt. Dort fehlen Unternehmen tatsächlich. Und ich behaupte, es fällt auch kaum auf. Wenn jemand von einer Firma eine öffentliche Antwort möchte, kennzeichnet er sie meist entsprechend. Und wenn er oder sie Glück hat, bekommt er sogar eine Antwort, dort wo er sie gestellt hat und wird nicht auf E-Mail gehievt (wie hier).

Da fällt mir ein, das ist ja eigentlich das Ziel „wir wollen an anderen Interaktionspunkten mit unseren Zielgruppen in Dialog treten um….“ Aber weil Content King ist, wird produziert und häufig gepostet, sonst geht man ja unter im grossen Rauschen, wo jeder etwas teilt. Es wird weiterhin outbound Marketing betrieben statt Inbound. Ich halte den vielen Content, der hauptsächlich gelesen werden soll, eher für Wahnsinn als königlich. Gute Gedanken über Inhalte, auf die niemand wartet hat Klaus Eck kürzlich geteilt. Obwohl das mit dem Mehrwert in der Praxis genau das Problem ist, es liegt nämlich im Auge des Senders, äh Betrachters, ob es wertvoll sein könnte für die Empfänger, die besser Dialogpartner wären.

Und die Leute, die das lesen (müssen):

Auf der vermeintlich anderen Seite der Nutzer siehts ähnlich aus. Es gibt keine Empfänger mehr, die Informationen aus Werbung beziehen (wollen). Alle sind online und zwar ständig, lesen, schreiben, lassen sich zufällig unterhalten und gewinnen Openair Tickets von ihrerm Stromlieferanten. Unser Leben liegt dokumentiert vor uns und wir kommunizieren häufig mit einer unbestimmten Menge. Auch wir wissen oft nicht, wer das tatsächlich liest, weil er gerade „da“ ist oder der Edgerank es zulässt. Meine besten Freunde haben noch nicht herausgefunden, dass sie Inhalte von Freunden abonnieren können, btw. Ich könnte ja mal einen privaten Newsletter verschicken mit best offs oder so 😉

Buch statt Film? Life of Pi Was mich aber eigentlich inspirierte, war ein Beitrag diese Woche von einem Berufskollegen, er schrieb auf Facebook, dass er sich ein Buch aus Papier gekauft habe und erhielt ca 30 Kommentare in denen die Leute staunten, manche (zum Glück) fanden es toll aber es kam leider nicht heraus worum es im Buch geht. Kein Lesetipp also. Nein es ging um das Medium Papier, das ja gar nicht dem Zeitgeist entspricht obwohl es ja auch Content und so eine Empfehlung mit Mehrwert sein könnte. Aber das würde zu weit gehen, müssten wir auch privat jedesmal Mehrwert bieten.

Ich komme mir mal wieder kauzig vor, wie damals beim Reisen, wenn ich morgen meinen wöchentlichen medienfreien Tag feiere, an dem ich keinen Content produziere sondern mal welchen wirklich lese, auf Papier – offline. Life of Pi, das ich nicht als Film gesehen habe.

Ich wünsche euch allen einen tollen 1. August und den Mut, mal abzuschalten. Es wird nicht auffallen, versprochen.

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16 Kommentare zu “Content Wahnsinn – oder einfach mal abschalten

  1. Es fällt ja auch nicht weiter auf, um ehrlich zu sein 😉 Die ganzen Social Media Sachen + Content kann man ja im Voraus vorbereiten und planmäßig verteilen, ganz als wäre man da 😉

    Ich sollte vllt. auch mal bald wieder abschalten und den Kopf frei kriegen vom ganzen Wahnsinn 😉

  2. Erika schrieb am :

    Herzlichen Dank liebe Su für den inspirierenden Blogbeitrag. Ich finde es super, dass du als Social Media Profi dies vorlebst. Ich habe Dich bis am Sonntag nicht auf Social Media gesehen 😉

    Ich war ab dem 1. August für vier Tage in den Bergen. Meine Digicam habe ich extra mit genommen damit ich das Smartphone im Hotelzimmer lasse. Am ersten Tag ging es gut. Doch irgendwann wollte ich bei Foursquare einchecken. Auf Instagram und Facebook meine Fotos posten und einen Tweet verschicken. Ich bin so fasziniert von Social Media, dass ich ohne Abends, an den Wochenenden und sogar in den Bergen beim Entspannen nicht kann.

  3. Leandra schrieb am :

    Hallo zusammen

    Spannende Diskussion welche ihr da führt! Ich bin ganz neu in der Social Media Welt und noch in der Konzeptphase beschäftigt – also noch nicht ganz dem Content Wahn verfallen und daher auch konsequent an den Wochenenden und am Feierabend offline :-)! Das Thema Betreuung der Unternehmensseiten ausserhalb Geschäftszeiten wird aber ein separates Kapitel in meinem Konzept bekommen!

    Was ich jedoch etwas bedenklich finde ist, dass wir immer und ständig auf dem neuesten Stand sein müssen. Wieso ist es denn so schlimm, wenn ich mal etwas nicht weiss weil ich in den Ferien war? Wir können unmöglich immer alles wissen – also weshalb haben wir überhaupt diesen Anspruch an uns?

    Wie du ja selbst sagst, wird es kaum jemandem auffallen – also nehmen wir uns allenfalls tatsächlich etwas zu wichtig?

    Ich bin für offline und für abschalten und werde dies hoffentlich auch trotz meiner Arbeit als Social Media Spezialist beibehalten können 🙂

    Einen schönen 1. August!

    Grüsse
    Leandra

    • hallo Leandra Danke für deine Einblicke. Ich hab das Gefühl, je grösser die Firma umso schwieriger wirds mit einfach abschalten, wenn es keine Vertretung gibt. Aber da du ja in der Konzeptphase bist, kannst du da ja locker einbauen. Und mit Marco Nierlich hättest du ja sicher eine super SoMe Profi, der dich vertritt 😉 Viel Erfolg wünsch ich dir. Und wenn du magst, schau doch mal in der Community für Schweizer Corp. Blogger vorbei. https://plus.google.com/communities/114649798408907643687

  4. Ich mache „Tiefschaltung“. Das heisst: reduzieren auf ein Minimum – aber nicht auf Null.

    Statt nur 5 Wochen Ferien – 10 Wochen „Tiefschaltung“ mit inspirierter Arbeit. Finde ich ganz gut 🙂

    Einerseits ist es für mich weniger stressig, wenn ich laufend up to date bleibe bei meinen RSS-Abos. Ich kann ja nicht etwas nicht wissen, einfach weil dann Ferien war. Und 200 Feeds aufholen nach einer Woche ist recht happig (wenn man es nicht nur überfliegen soll).

    Andererseits sage ich mir: ich bin lieber 8 oder 10 Wochen unterwegs – halt auch ab und zu arbeitend (ist ja ein kreativer Job, der Spass macht). Gerade in La Réunion, Malaysia oder jetzt in den Schweizer Bergen (Riederalp) ist der Inspirationslevel deutlich höher (und die Temperatur angenehmer, Malaysia ausgenommen).

    Wenn ich nur 5 Wochen „Ferien“ pro Jahr machen würde, wäre das vielleicht anders. Ich glaube aber an „Digital Nomadism“ (Buzzword-Alarm) 🙂 und dass ich effektiv ein paar Wochen in Vietnam oder Kambodscha in einem Bungalow am Meer effizient arbeiten kann. Habs getestet.

    That said: ich versuche immer wieder, mich an der Nase zu nehmen, weil ich merke, dass ich sehr oft ziellos abschweife im Smartphone und Quality Time so verpasse. Da muss ich deutlich dazu lernen.

    • das finde ich ne gute Lösung, Sam, bewundere dich dafür. Ich versuche das auch im Sommer Programm zu Hause. Aber merke dann immer, dass ich (auch) nicht so gut darin bin, drum muss ich mir regelmässig „komplett-aus“ verordnen.

  5. Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich mich letztes Wochenende entschieden mal wieder offline zu gehen und überhaupt nicht zu arbeiten. 2 Tage in den Bergen ohne das Handy für mehr als Photos zu verwenden. Es hat mehr als nur gut getan und ich werde nun vermehrt die Wochenenden arbeitsfrei gestalten. Ich bin auch der Meinung offline zu sein, gehört genauso dazu wie online zu sein. Schöne Ferien!

    • das freut mich zu hören 😉 dankeschön, Silvan. Ferien hab ich nicht, aber du hast recht, es fühlt sicher immer ein bisschen so an. Der Tag ist viel länger wenn man offline ist.

  6. Corinne Päper schrieb am :

    Kommt noch dazu, dass sich Produzenten von Social Media deren Bedeutung masslos überschätzen. Frei nach dem Motto: der Verkäufer verkauft dem Verkäufer etwas. Nur seine Kunden erreicht er so nicht, weil die nämlich immer kritischer werden (speziell die Jüngeren) und gar keine Lust haben, ihre Datenspuren analysieren zu lassen.

    • ja, das ist wirklich schwer zu verstehen, dass die Welt nicht wartet auf das was so produziert. Ich denke das ist vorallem dann, wenn man im Sende-Modus verharrt und nicht liest was andere schreiben (denn dann fällt einem auf, wieviel es schon gibt). Wie meinst du das mit den Verkäufern genau?

      • Päper Corinne schrieb am :

        Hallo Su. Das mit den Verkäufern meinte ich so, dass Fachpersonen mit Fachpersonen „reden“ und nicht merken, dass diese Themen ausserhalb ihres Fachbereichs für „Otto Normalverbraucher“ überhaupt nicht interessant sind. So wage ich zu behaupten, dass Bee Tags kaum genutzt werden und ich wage es auch zu bezweifeln, dass Twitter & Co für Menschen ausserhalb der Bereiche Marketing und Kommunikation (und allenfalls Selbständige) wirklich von so grosser Bedeutung sind. Das hat übrigens auch eine Umfrage ergeben, an der ich beim ODEC (Verband dipl. Absolventen Höherer Fachschulen) mitgearbeitet habe. Nur 20% der doch über 2’000 Antwortgebenden nutzen Social Media regelmässig. Dieselben Erfahrungen mache ich auch im täglichen Leben; nur sehr wenige, vor allem Jüngere nutzen diese Medien tatsächlich. Und es gibt ganze Berufsgruppen (Psychologen, Pflegepersonal), die dieser Sache sehr kritisch gegenüber stehen und für sich persönlich keinen Nutzen darin sehen. Ich warne also nur vor „Betriebsblindheit“ und die Investition in Dinge, die tatsächlich von der Mehrheit der Anvisierten nicht gewünscht sind und nicht genutzt werden.

        • hallo Corinne, das geht mir ähnlich wie dir. Ich bin auch der Meinung, dass Firmen unbedingt prüfen sollten, ob und vorallem warum Social Media für sie Sinn macht und ich glaube sogar, dass das viele Berater so sehen. Bestimmt ist es irgendwann eine ganz normale Disziplin der Kommunikation und man versteht nicht mehr nur Facebook unter Social Media sondern Austausch dort wo er entsteht und von Kunden, Mitarbeitern … gewünscht wird.