Komm in die Community – und was bekomm ich?

Der wunderbare Ranga Yogeshwar brachte es ans Licht. „Es müssen immer mehrere sein, die andere Informationen haben als die anderen“. In einem Experiment wies er zusammen mit dem Wisschenschaftler Jens Krause nach, wieviele Leute es braucht, eine Gruppendynamik zu verändern. Bei 10% von der Menge funktionierte es ganz leicht.

Ein Auszug: „Leader“ heissen sie in der Versuchsanordnung. Doch nicht immer werden sie dem Begriff gerecht. Nichts passiert, als es nur fünf Teilnehmer sind, die ausscheren. Schnell vereinsamen sie, und der Schwarm zieht weiter seines Weges. Bei zehn anders Informierten funktioniert das Mitziehen leichter. Der Schwarm löst sich aus der Kreisform und schiebt sich in eine neue Richtung. Bei 20 Ausreissern ist es überhaupt kein Problem mehr. Sie reissen den Schwarm förmlich mit.“

Communities von Firmen

Nicht nur mit diesem Hintergrund, finde ich es lustig, dass wir in unserer Branche von DER Community ausgehen. DIE oder gar „unsere“ Community gibt es nicht und wir können sie auch nicht managen. Ich denke, wir haben ein paar gedankliche Hausaufgaben. In Social Media verbindet die Leute oft nur ein einziges Element, ein Thema. Die Community soll geführt werden (von jemandem der ein besonderes Interesse daran hat). Im Experiment oben ist es ein Auftrag. Wir stellen uns oft eine Gruppe von Leuten vor, die gemeinsam an einem Ort sind und die das Gleiche wollen. Das ist nicht so.

Wenn nur der Moderator gewinnt

Blogleser zum Beispiel sind in meinen Augen keine Community (Gruppe mit gleichem Interesse). Sie kommen ja nur in diesem einen Moment Lesen/Kommentieren/Teilen „zusammen“. Und das oft nicht mal nachhaltig. Danach sind sie oft wieder weg, bekommen weitere Kommentare nicht mit. Firmen, übernehmen in Social Media Präsenzen oft eher die Rolle vom Moderator. Natürlich von eigenen Themen. Man versucht, zielgenau die Bedürfnisse der Community und manchmal auch die der Algorithmen zu bedienen. Der vermeintliche Gewinner ist der Moderator, die Firma, die etwas über ihre Zielgruppe erfährt oder Reichweite bekommt. Dass es wesentlich komplexer ist, wisst ihr selber. Natürlich haben auch Kunden manchmal was davon, wenn sie Vergünstigungen bekommen, unterhalten werden etc. Aber darum geht es mir nicht.

In funktionierenden Communities
haben alle was davon

Bildschirmfoto 2015-01-06 um 13.15.08Wirklich Spass machen mir persönlich Communities, die von mehreren Leuten bereichert werden. Ich denke, die 20 Leute im Experiment hatten diese Rolle. Mit reinem Fragen stellen oder moderieren ist sowas kaum getan. Firmen sollten Formen finden und nutzen, wo mehrere Leute gleichberechtigt beitragen können und dies vorallem auch tun. Das ist wohl das Erfolgsgeheimnis von Medium.com, Facebook und google Gruppen. In einer funktionierenden Community gibt es nicht nur einen Gewinner. Leser ist nicht nur Leser, sondern auch Autor, Kommentator usw. Ich denke es sollten auch nicht nur die sog. Leader der Gruppe sein, sondern alle, auch die Nur-Zuhörer, wenn wir denn schon welche haben. Ja ja, die 1/9/90 Regel.. die besagt aber nicht, dass die 90% nichts bekommen und auch nicht, dass jeder einzlne ständig die Rollen wechselt. Wie im wahren Leben halt.

Intranets könnten ja auch eine Community Plattform sein. Aber lassen wir die traurige Realität mal kurz beiseite. Mitarbeiter, Studierende, Berufskollegen, Vereinsmitglieder organisieren sich längst in Gruppen anderswo. Warum wohl? Weil die Leute wissen, dass sie dort das bekommen, was sie aktuell brauchen.

Das zusätzliche verbindende Element

Oder mehrere verbindende Elemente

Ok, Gruppe gründen und los? Wie ihr natürlich wisst, sind manche Gruppen dynamischer als andere. Ich habe beobachtet: die rockenden Gruppen haben ein zweites oder drittes verbindendes Element haben. Zum Beispiel Social Media Women Schweiz. Diese Leute verbindet mehr: die Aufgaben im Job (unterschiedliche), das Frausein, das Land…

Gelernt aus verschiedenen Communities

mehrere verbindende Elemente

Hier herrscht eine völlig andere Mentalität als bspw. auf Fanpages oder Blogs. Vermutlich weil die Themen nicht von einer Instanz vorgegeben werden. Sondern wirkliche Bedürfnisse geteilt und vorallem beantwortet werden. Überraschenderweise immer wieder von anderen Mitgliedern. Ich habe mein eigenes Verhalten und den Mehrwert, den alle bekommen in verschiedenen Gruppen beobachtet und einiges gelernt dabei.

  1. Es braucht mindestens ein zweites verbindendes Element
  2. Es braucht mehrere Moderatoren / Heinzelmännchen, die ein bisschen aufräumen
  3. 1% Moderatoren reichen. Also bei 300 Leuten, 3 Moderatoren. Bei 20 wird die Abstimmung schwierig und man denkt schnell „der andere machts“.
  4. Die sogenannten Leader müssen nicht Moderatoren sein
  5. Es braucht einige Zeit, bis die Gruppe „von selbst läuft“. Es scheint nicht die Anzahl Mitglieder zu sein, sondern die Zeit. Durchschnittlich ging es ein Jahr, bis die Leute sich eingebracht haben.
  6. Es ist gut, wenn das Ziel der Gruppe klar beschrieben ist
  7. Es ist wertvoll, wenn neue Leute sich kurz vorstellen und beschreiben, was sie einbringen und nicht nur was sie gewinnen möchten.
  8. Jeder definiert Spam anders. Das kann man ruhig thematisieren. Das sprichwörtliche Wissen der Vielen hilft hier oft weiter.
  9. Ab einer bestimmten Grösse kommt die Frage über die (Nicht/)Auffindbarkeit. Je grösser die Gruppe, um so mehr Leute finden sie, treten bei, aber tragen oft nicht bei.
  10. Regelmässig Offline Events einplanen / anbieten.
  11. Vorsicht vor Gruppen mit Wettbewerbspotenzial. Wenn Mitglieder von anderen (wegen Positionierungszielen) gemassregelt werden, sinkt die Beitragsrate zusehends.

Haie und Trolle

Keine Haie im Rhine Bild: watson

Keine Haie im Rhine Bild: watson

Im Experiment gab es auch einen Hai, der die Menge aufgemischt hat. Das kennen wir im Web natürlich auch, nur nennen wir sie Trolle. Mir gefällt Hai ja fast besser. Denn er tut was er tun muss, weil es seine Natur ist. Oft ist sich ein Troll nicht bewusst, dass sein/ihr Verhalten von anderen als mut- oder böswillig aufgefasst wird. Das zeigt das aktuelle Beispiel in der „Twitter Community.“ (Mitglieder übrigens mit nur einem gemeinsamen Element – die Plattform) In einer funktionierenden Community aber, würde ich das persönliche Gespräch mit dem Hai suchen, ihn ggf. rauswerfen, aber sicher nicht füttern.

 

 

Was ist denn nun eine erfolgreiche Community?

Ich muss euch enttäuschen. Ich weiss es nicht. Das kann nur jeder einzelne für sich sagen, der Mitglied einer solchen Gruppe ist. Aber wenn ich was nicht weiss, frag ich halt. Vor vier Jahren haben Marie-Christine Schindler, Mona Sorcelli und ich die o.g. Gruppe Social Media Women (Schweiz) gegründet.  420 Leute tauschen sich in einer Facebook Gruppe, bei Kursen und offline Events aus. Sie tun es tatsächlich. Nicht nur ich empfinde diese Gruppe, als Lieblingsgruppe, weil sie einfach vor Mehrwert strotzt. Ich hab also dort mal gefragt und bekam interessante Antworten. Meine persönlichen Highlights

a) mehrere verbindende Elemente
b) echter Mehrwert (für alle)
c) der faire Umgang miteinander, keine Haie.

Was ist an der SoMeWo Community besonders cool?

Was ist an der SoMeWo Community besonders cool?

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Danke euch Ladies für diese tolle Gruppe und eure Antworten, die hoffentlich nicht nur mich inspirieren für weitere funktionierende Communities.

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19 Kommentare zu “Komm in die Community – und was bekomm ich?

    • Dankeschön, Alexandra. In D gibts aber auch eine solche Gruppe mit 1400 Mitgliedern. Sie ist auch geschlossen, aber schau mal unter …/groups/socialmediawomen Liebe Grüsse und viel Spass

  1. Das Wichtigste vorab: ein grossartiger Artikel, Su!
    Dass du an diesem Post lange gearbeitet hast, kann ich gut verstehen. Ich glaube, dass du am Schluss nicht nur Wissen erlangt hast, sondern eben auch Erkenntnis. Und zu erkennen dauert oft länger als etwas zu wissen lernen.
    Die Zahl von 10%, die den Schwarm mitreissen können, war für mich sehr spannend und hilfreich zu erfahren. Tatsächlich tu ich mich schwer damit im Moment, wie die Welt so läuft, so schief läuft in meinen Augen. Zu wissen, dass anders Denkende oder Impulsgeber eine Grösse von 10% erreichen müssen, um etwas bewegen zu können, hilft mir einfach schon mal emotional. Und wenn es nicht zu 10% reicht, dann war es die Idee wohl nicht wert.
    Obwohl ich auch zu deinen sporadischen „nur“ Leserinnen gehöre, hat mich dieser Artikel just im richtigen Augenblick erreicht. Vielleicht gibt es da mehr Regeln, die uns Menschen letztendlich doch immer wieder verbindet.
    Die Schweizer Social Media Women schätze ich auch sehr aus den genannten Gründen. Allen voran die Bequemlichkeit, dass alle sehr nett zu einander sind. Wer verlässt seine Komfortzone denn gerne…Und genau das ist der Haken. Und genau hier haben die Haie ihre Berechtigung und wundervolle Funktion. Sie geben uns Impulse zur Weiterentwicklung und schliesslich zur Erkenntnisfindung.

    • Liebe Aleksz ich danke dir für deinen Kommentar. Ich freu mich, dass es für dich im richtigen Moment kam. Interessanterweise hat in der SoMeWo Community jemand etwas ähnliches geschrieben, wow. Mich erinnern deine Zeilen an ein Buch. Dort geht es um die „kritische Masse“. The Celectine Prophecy. Ich gestehe, ich mag die Haie nicht so gern, lass mich lieber auf freundliche Art herausfordern. Gell, Walter 😉

  2. Spannender Artikel. Ich denke in der Zusammensetzung der Gruppe ist es noch wichtig, wie viele Nutzer sich vorher schon kennen und ob sie bereits gemeinsame Ziele mitbringen. Bei den Mitgliedern, die sich schon vorher gemeinsam ausgetauscht haben, wird eine ganz andere Dynamik spielen. Eine neue Gruppe die zu einem hohen Anteil aus solchen Menschen besteht, wird viel schwerfälliger sein, eine eigene Kreativität zu entwickeln, da die Opinion Leader schon gesetzt sind und ein hoher Anteil der Mitglieder sich nach diesen richtet.

    Wäre mal interessant, ein wirklich offenes Forum mit vielen Mitglieder, in Vergleich zu einer Gruppe in einem Intranet einer grossen Firma zu setzen.

  3. René Lisi schrieb am :

    Toller Beitrag. Wenn du dich mal mit Don Peppers und Martha Rogers befasst – die Erfinder des One-to-One marketing – wirst du entdecken, dass hier der Begriff «community» als eine weitere Art Kundensegment benutzt wird, welches Customer Lifetime Value mit Needs/Attitude/Behavior verbindet.