Unsichtbare Zeitstempel in Blogs nerven, auch im Corporate Blog

Jetzt ist es mir wieder passiert. Via Niu.ws kam ein Beitrag „bei mir vorbei“, den ich mir für späteres Lesen oder Gebrauch bookmarken wollte. Ich merke, „Huch, den hab ich schon gebookmarked, gar nicht mehr gewusst“. Es ging um Redaktionspläne, das nur am Rande. Also geh ich rüber in mein antiquiertes Bookmarkingsystem (ja es gibt noch Diigo Nutzer, ich kenn sogar Delicious Nutzer 😉 und seh.

Der Beitrag ist vom 5.8.2013. Heute ist der 3.8.2015. Inzwischen gibt es WordPress Plugins für Redaktionsplanung, die selbstverständlich in dem Artikel keine Erwähnung finden. Er ist schlicht zu alt.
Nachtrag 03.10.2018: Heute ist Refind die beste Wahl in meinen Augen.

Alter Bookmark (Lesezeichen) mit Diigo

Alter Bookmark (Lesezeichen) mit Diigo

Aber ich sehe das Datum nicht in dem Beitrag, weil die/der Corporate Blog Verantwortliche Super-Marketer einfach das Datum nicht anzeigt.

Nennt mich altmodisch, aber für mich ist der Zeitstempel eine wichtige Information. Ich werde mal versuchen, ein paar Argumente zu finden und zu erklären, warum mich dieses fehlende Detail nervt. Bei einer (im Zug) rumliegenden Zeitung oder einem Link, entscheide ich erst, ob ich den Inhalt lese, wenn ich das Datum geprüft habe. Allerdings hängt das beim einzelnen Beitrag schon auch vom Thema ab. Ein Reisebericht über Neuseeland ist länger aktuell als eine Beschreibung zu einem Software Update. Fehlt die Datumsangabe, kann ich es nicht so schnell einschätzen.

Wie komme ich als Leser zu einem Beitrag?

Lasst mich noch kurz einen Gedanken notieren. Der Zugang zu einem Blogpost hat sich stark verändert. Ich lese die Blogs, die ich abonniert habe, nur noch sporadisch und klicke vielmehr auf Links, die mir von anderen empfohlen oder kuratiert werden. Auch Plattformen Algorithmen bestimmen mit, was ich sehe und lese. Natürlich ist das nicht gerade förderlich, aus der Bubble auszubrechen und bei gezielter Recherche schöpfe auch ich alle Häkchen der Google Suche aus. Aber so ist wohl das Online Leben. Oder geht es euch anders? Es geht um Links, überall. Links die geteilt werden oder extra produziert, Links die aufgefunden werden durch die Suche, jedes kleine Sonnenuntergangsbild in Facebook bekommt seinen eigenen Link…

Die Zeit auf einem Tisch

Die Zeit auf einem Tisch

Un-bewusste Information im Zeitstempel

Als Leser gibt mir die Datumsangabe verschiedene bewusste und unbewusste Informationen. Ich lese darin:

  • Ist der Artikel aktuell (und entsprechend relevant)?
  • Wann hat der Autor geschrieben (sonntags, nachts, Montag Morgen)?
  • Hat der Autor sich unmittelbar beim Ereignis (offline) Zeit genommen, oder erst zu Bürozeiten?
  • Hat der Autor noch aktualisiert (spätere Änderungen, die aus der Diskussion entstanden sind)
  • Wie alt sind die Kommentare (wird das Thema immer noch diskutiert)?
  • Wie ist der zeitliche Zusammenhang zum beschriebenen Thema (Rückschau, Vorausschau etc.)?
    Nachtrag:
  • Ist der vermeintliche Blog evtl. ein Suchmaschinen Köder?
    Zu dem Punkt (und Archiv-Gedanke) hat mich Jürg inpiriert. Danke.

Der Wert der Vergangenheit

Letztens fiel mir ein Video auf von Gregor Gysi, der bereits vor 17 (!) Jahren auf Probleme beim Euro hinwies, die heute eingetroffen sind. Das Datum der Rede war hier entscheidend für den Wert, denn heute wissen viele Fachleute, wo es hapert. Auch bei Fotos scheint mir die Datumsangabe erst mit der Zeit wertvoller zu werden. (was schon so lange her..) Nachtrag: Das Datum hilft beim Archiv und gibt so dem Leser Struktur. (by Jürg)

Der Wert der Echtzeit

Das Jetzt ist nicht nur in indischen Philosophien ein wichtiger Wert. Auch unser Alltagsjetzt wurde durch Social Media verändert. Nahezu kein „Jetzt“ bleibt unkommentiert. Keine Postkarten, die 2 Wochen später ankommen, sondern das Selfie vor dem Eifelturm genau jetzt. In den Bergen mit sich und dem jetzt vereint, heisst nicht mehr unbedingt „allein“ dort zu sein, sondern es wird in Echtzeit geteilt. Selbst Verabredungen werden nahezu in Echtzeit organisiert (nicht der Zeitpunkt, aber das was).

Nur in Corporate Blogs findet sich dieses Jetzt eher selten. Ein Vortrag von gestern, Hintergründe zu einer Medienmitteilung erst am Tag danach. Es wär doch schön, den Vortrag schon gestern zu publizieren oder eben genau jetzt während der Referent spricht. Das ist doch der Moment, wo Leute aus dem Publikum Zeit haben, am Smartphone zu googlen (lautlos, versteht sich). Also könnte man hier noch schneller sein als das Jetzt sozusagen. [Tweet „Zeigen, wie aktuell man ist. Das ist mein erstes Argument für einen sichtbaren Zeitstempel in Blogs. „]

Wenn Inhalt wertvoller wird als Aktualität

Der Wert vom Inhalt siegt erst über die Aktualität, wenn der Beitrag genügend Interaktion erhält, geteilt, kommentiert, gelesen, geöffnet etc. wurde. Twitter ist noch die einzige viel und öffentlich genutzte Plattform, (korrigiert mich bitte) die die chronologische Auflistung (zumindest weitestgehend) beibehalten hat und somit keine Bewertung vorgibt. (ausser bei bezahlten Inhalten natürlich).

Nun zeigen aber auch häufiger Blogs das Datum nicht mehr an. Ein Grund könnte sein, dass die Blogger gerne langzeitrelevante Inhalte publizieren möchten. Aber da ist die Zeitangabe doch um so wertvoller. Wenn ich vor Jahren etwas geschrieben habe und sich eine These bewahrheitet hat, ist das doch cool. Zudem kann man mit der Zeitangabe sehen, wer etwas zuerst publziert hat. Das ist ein zweites Argument für die sichtbare Zeitangabe.

Wenn der Inhalt veraltet ist

Stell dir vor, jemand liest etwas Altes in deinem Blog und denkt. „Na, er oder sie ist ja auch nicht mehr ganz auf der Höhe des Wissenstandes“. Was vor 2 Jahren stimmte, muss heut nicht mehr richtig sein. Wieder ein Argument für die sichtbare Zeitangabe.

Der Zeitstempel in Social Media

In fast allen Plattformen ist der Zeitstempel übrigens immer der Wegweiser zum einzelnen Beitrag. Viele Leute sehen ja nur das ganze Konstrukt. Also den News stream, eine Sammlung von vielen (meist) kleinteiligen Beiträgen. Diese haben nur genau jetzt einen Wert, weil ich sie in dieser Auflistung so später nicht mehr sehe. Also hab ich oft mal das Bedürfnis, etwas für „später“ aufzuheben. Ein Like oder ein Fav ist für mich keine sichere Aktion mehr, damit ich den Inhalt später noch lese. Ausserdem hab ich keine Lust, etwas zu liken, was ich erst noch lesen will. Also versuche ich den Link zum einzelnen Beitrag rauszufischen (anders kann man es leider nicht nennen). Facebook und Linkedin verhindern das inzwischen „prima“, indem die Links mobile nur noch innerhalb der Plattform geöffnet werden. Ich muss ein weiteres mal klicken, um den Link „verarbeiten“ zu können, also für bookmark, später lesen oder gar per Mail senden (was ich mit den wichtigen Sachen tatsächlich wieder so mache).

Linkedin und XING bieten die Möglichkeit (Klick zum einzelnen Beitragslink) über den Zeitstempel nicht (mehr?) an. Dort kann ich nur auf den geteilten Link klicken oder auf ein Bild (was in Linkedin eh kaum jemand mehr teilt ohne Link). Den Kommentar (den eigentlichen Linkedin Post) kann ich jedoch nicht „aufheben“ ausser mit einem Screenshot. Der Inhalt soll einfach „in der Plattform bleiben“.

Den einzelnen Beitragslink in allen anderen öffentlichen Plattformen (lustig, dass hier Facebook so tickt, obwohl viele FB noch immer als privat empfinden) erhalte ich, wenn ich auf das Datum bzw. auf die Uhrzeit klicke. Verzeiht mir, dass ich das hier erwähne. Ich sehe oft in Workshops, dass es Nutzern nicht klar ist, dass der Link hinter der Zeitangabe steckt.

Zeitstempel in g+ Beitrag erscheint via Mouseover

Zeitstempel in g+ Beitrag erscheint via Mouseover

Zeitstempel im Corporate Blog für die Auffindbarkeit

Ich bin ja nun kein SEO Spezl. Drum hab Yves gefragt. Er sagt „Ob das Datum publizert ist, spielt für das Ranking keine direkte Rolle. Google weiss immer, wann der Artikel das erste Mal im Index auftaucht und kennt somit das Erscheinungsdatum. Wie aktuell der Beitrag ist, kann ein wichtiges Kriterium für das Ranking sein, muss aber nicht. Wenn ein älterer Artikel relevanter zum Thema und Suchenden ist, kann der ältere Artikel besser gerankt werden, als ein neuerer. Es spielt auch eine Rolle, wie wichtig die Aktualität gegenüber dem Inhalt ist. Aus SEO Sicht ist also eine Publikation des Datums nicht nötig. Aber: Werden Besucher des Beitrages „enttäuscht“ weil sie merken, dass der Inhalt veraltet ist, verlassen sie die Seite schnell und kehren zu den Suchtreffern zurück, klicken auf den nächsten und verweilen länger auf diesem Beitrag. Google registriert das. Der erste Artikel erhält eine höhere Ausstiegsrate und eine kurze Aufenthaltsdauer. Der nächste Artikel bekommt längere Aufenthaltsdauer etc.. Der erste Artikel kann dann im Ranking runtergestuft werden, zu Gunsten des zweiten Artikels.

So kann also das sichtbare Datum beim Artikel doch noch das Ranking beeinflussen.“ Also empfiehlt auch der SEO Kollege nebenan, die Zeitinformation anzuzeigen. Das dürfte ein viertes Argument für die Datumsangabe sein.

Was sagen andere

Nachtrag: 02.07.2016, ich hab doch tatsächlich versehentlich das Storify gelöscht mit den vielen Meinungen via Tweets. Wie blöd. Sorry. Einige Meinungen konnte ich noch recherchieren, andere leider nicht. Aber ich ergänze hier noch den Post von Sven Lennarz (einer meiner absoluten Lieblingsblogger)

Jetzt wo ich mal laut drüber nach gedacht habe. Ein Blog ist für mich wertvoller mit sichtbaren Zeitinformationen. Die Uhrzeit ist ein nettes Detail, das Datum für mich wichtig. Auch für mein Vertrauen in den gesamten Blog.

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10 Kommentare zu “Unsichtbare Zeitstempel in Blogs nerven, auch im Corporate Blog

  1. Danke Su

    Du sprichst mir aus dem Herzen … wobei ich ja schon weiss, woher der Artikel bei Niuws kam. Ein paar Anmerkungen, Ergänzungen, Gedanken:

    Ich beobachte bei mir ein anderes Selektions-Verhalten ob ich aus dem Feed(ly) selektioniere oder von anderswo via Twitter, Newsletter usw. Beiträge erhalte. Bei ersterem achte ich auf Titel, Bild, Intro und Autor (zu dem Thema habe ich einen Blogpost in Vorbereitung) und im Feed kommen logischerweise auch frisch veröffentlichte Beiträge. Da sind die Argumente für die Wahl sauber serviert. Bei der Empfehlung auf sozialen Netzwerken spielt die Person oder Publikation, die geteilt hat, eine entscheidende Rolle. Dann lese ich aber auch Beiträge älteren Datums, wenn sie für mich relevant sind.

    Aktuell überarbeite ich meinen Blog, er wird noch im August neu aussehen. Das hatte zur Folge, dass ich jeden einzelnen meiner Artikel nochmals in die Finger genommen habe. Dabei habe ich festgestellt, dass viele Beiträge auch heute noch gültig sind, auch wenn sich vielleicht da oder dort mal ein Tool geändert hat. So gesehen muss das Datum kein Grund sein, einen Artikel fallen zu lassen – aber der Leser braucht Transparenz, damit er selber entscheiden kann.

    Wir sind beide in der gleichen Situation, Kunden betreuen, soziale Medien erforschen und nutzen, sich weiterbilden und auch noch Bloggen kann ganz schön viel werden. Darum kann es schnell mal ein paar Wochen dauern, bis der nächste Beitrag kommt. Ich setze auch eher auf Qualität – so ein Beitrag kostet ziemlich viel Zeit. Aber der schnelle Leser qualifiziert das mit einem Blick auf die Homepage anders. Darum wird in meinem Blog auch künftig auf der Homepage kein Datum angezeigt, auf der Ebene der Beiträge aber schon.

    Diesen Beitrag habe ich drüben bei LinkedIn auf Pulse entdeckt. Wie bist du da reingekommen? Natürlich wollte ich dich da abonnieren, das Feld Folgen ist aber nicht aktiviert. Weisst du dazu mehr?

    Soseli, dann gehe ich jetzt wieder zurück in die Kundenarbeit. Aber nicht ohne dir an dieser Stelle für deine Beiträge und auch für die wertvollen Empfehlungen anderswo zu danken. Hossein Derakhshan habe ich gelesen und der Beitrag war jede Minute wert.

    • Danke liebe Marie-Christine. Ich freu mich sehr über deine Worte und auch über deinen Einblick. Du bist ja eine Bloggerin und Kuratorin, die ich quasi wie ein Fan verfolge 😉 in Linkedin Bloggen gehört zu meinem aktuellen Experiment dort in der Plattform. Sprache auf e wechseln und Funktion nutzen. Werd noch drüber was schreiben.