Gendergerechte Sprache – ein Pro und mein Kontra

Update und ein Nachtrag, der mir am Herzen liegt. 19.06.2018: Ich habe meine Meinung grundlegend geändert. Ich finde es teils immer noch schräg, alle -innen Formen verwenden. Deshalb hab ich mich umgestellt auf abwechselnde Schreibweise, mal Leaderin, mal Nutzer etc. Ich versuche so, auch im Kopf einen kleinen Stopper zu kreiieren. Ich habe durch viele Kommentare und Recherchen gelernt, dass wir Menschen über Worte sensibilisieren und als Zuhörer auch Bilder erzeugen. Wenn für mich als Schreibende klar ist, dass eine Frau Bänkerin ist, heisst das noch lange nicht, dass es auch in anderen Köpfen so ist. Es ist erwiesen. Lasst uns also doch den mühsamen Weg gehen und die -Innen-Form verwenden. Noch ein Beispiel, das es deutlich macht.

Update: 15.05.2017 Die Suche innerhalb von XING bringt bei neutraler Formulierung „Maler“ auch tatsächlich nur männliche Anbieter hervor. Danke für den Hinweis Lisa Ringen. Gleiches bei LinkedIn. Ein Tipp aus dem Kommentar-Thread: Bei der Suche „Fotogra* eingeben, ist zwar ein guter Praxis-Tipp, aber wohl nicht alltagstauglich für jedermann/frau.  Schaut euch auch mal die Reaktionen an. Grossartig von Alexander Klopman von XING reagiert. Aber es finden sich auch abwertende Kommentare gegenüber Gender-Aktivisten, die doch allerhand sind. Es tut mir leid, dass wir immer noch darüber diskutieren müssen. Ich möchte hier unterstreichen, für mich persönlich ist das Thema gendergerecht durch und veraltet, es soll gelebt werden und nicht als Streitpunkt bei Formulierungen herhalten. Ich bleibe nur aus diesem Grund der Bezeichnung Berater für mich und meinen Beruf treu.

Im HR Today erscheint heute ein Pro und mein Kontra zur gendergerechten Sprache. Mich beschäftigt die gendergerechte Formulierung in meinem Job natürlich schon länger. Deshalb habe ich die Gelegenheit genutzt, einmal „etwas. lauter“ bzw. schriftlich darüber nachzudenken.

Selbstverständlich setze ich mich (noch lauter) für Gleichberechtigung ein. Ich wünsche mir aber einen Blick auf Menschen, mit ihren unterschiedlichsten Anderssein, statt beharrlich unsere Sprache zu verbiegen.

Verbindende statt trennende Elemente

Was ist schon anders? Schnell urteilt man „die anderen tun oder denken dies und das“. Rosa und Hellblau ist hier nur eine der bekannten Schubladen, in die ich mich nicht einfinden möchte, obwohl ich weiss, dass sie teils naturgegeben sind. Gestern in einem Content Kurs behauptete ein Teilnehmer, Sarkasmus spräche nur Männer an. Mannomann. Da zieht es mir die Schuhe aus, die Motorradstiefel oder die High Heels. Such dir was aus, Mensch. Mit der gendergerechten Formulierung zielte man eigentlich auf Gleichheit ab, aber wir trennen eigentlich in meinen Augen.

Ich wünsche mir die ganze Farbpalette, die die Welt uns bietet und Selbstverständnis von Respekt in unserer Sprache statt künstliche trennende Elemente.

Pro: Prof. Christiane Hohen- stein ist Professorin für Interkulturalität und Sprachdiversität sowie Diversity- Beauftragte an der ZHAW

 

Was haben 25 (?) Jahre gendergerechte Sprache gebracht?

Ich möchte niemandem zu Nahe treten und respektiere die Forderung nach gendergerechten Formulierungen. Ich kenne einige Menschen, die politsch korrekt sprechen und sich dafür einsetzen.

Jedoch denke ich, dass man nicht Jahrzehnte lang etwas fordern kann und dabei ignoriert, dass das Ziel verfehlt wurde. Schlimmer noch. Wir sollten längst gleichberechtigt leben und agieren. In meiner Kindheit, in den 70er Jahren in der ehem. DDR waren Schul- und Kinderbücher mit Männern und Frauen in Bauberufen, Schweisserinnen und Panzerfahrerinnen (na lassen wir das lieber) abgebildet. Ich wurde in meiner Familie nicht limitiert sondern gefördert. Meine Mutter brachte es nicht aus der Ruhe, als ich ihr eröffnete, „Kosmonaut“ und später Maurer werden zu wollen. Wir können alles sein, wenn wir das Zeug dazu haben. Männer, Frauen, Transmenschen. Und davon bin ich noch heute überzeugt. Ich stelle den gleichen Tagessatz in Rechnung wie meine männlichen Mitbewerber. Lasst mich jetzt bitte nicht noch von Menschen aus anderen Ländern und Hautfarben sprechen. Wir sind im Jahr 2017. Auch wenn sich das in „unserem“ Land nicht in jedem Belang so anfühlt.

[Tweet „Unauffälliges Augenverdrehen beim Formulieren hilft der Gleichberechtigung nicht. Im Gegenteil.“] Es ist ein unangenehmes Hindernis entstanden. Und auch dieses beeinflusst unser Denken. Wird die (sprachliche) Gleichstellung der Frau als anstrengend oder gar lächerlich empfunden, wie sollen Menschen sich dann beim Handeln dafür einsetzen?

So, das war meine längere Einleitung als die von HR-Today. Bin gespannt, auf eure Meinungen, Erlebnisse und Überzeugungen. Bitte teilt sie mit mir.

Feuer frei (ich meine mit Buchstaben)

Offizielle Einleitung von HR Today: „Während die Online-Kommunikations-Dozentin Su Franke Schräg- und Bindestriche für einen Anachronismus hält, plädiert die ZHAW-Professorin Christiane Hohenstein für die geschlechtsspezifische Anpassung von Texten.“ (Das Wort Anachronismus hätte ich nicht benutzt, aber finde es dennoch passend)

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Und hier noch der Text aus dem Artikel. Ein bisschen in meinem Stil formatiert.

Gleichstellung von Menschen statt Sprach-Hindernis

In den 90ern hörte ich in einer Satire-Sendung „Liebe Hörerinnen und Hörer an den Radioapparatinnen.“ Danach habe ich viel über das künstliche Sprach-Hindernis der gendergerechten Formulierungen nachgedacht. Innere Einstellungen werden wir damit nicht verändern.

Gendergerechte Formulierungen stehen uns beim Sprechen und Schreiben meist im Wege. Sätze klingen aufgedunsen oder unpersönlich. Universitäten veröffentlichen Leitfäden, die helfen sollen, korrekt aber lesefreundlich zu formulieren. In Geschäftsberichten wird einführend darauf verwiesen, dass nachfolgend stets beide Geschlechter gemeint sind. Schreibende Menschen haben längst ihre Wege und Abkürzungen gefunden, die einer gleichstellenden Schreibweise gerecht werden sollen. Varianten mit Schräg- und Bindestrichen trennen was sie eigentlich vereinen sollen. Worte werden unaussprechlich, aber man würdigt zumindest die gute Absicht des Autors. Ich könnte auch schreiben ‚frau würdigt’, aber das ist orthografisch nicht korrekt.

Sagt eine Geschäftsführerin „Liebe Mitarbeiter/Innen“, fühlen sich die männlichen Kollegen nicht angesprochen. Formuliert sie „Liebe Mitarbeitende“, kommt das bei mir nicht an, weil es nicht meiner Muttersprache entspricht. Bei manchen Worten ist es leichter, männliche und weibliche Formen zu nutzen. Niemand stellt eine Geschäftsführerin oder Ärztin in Frage. Oder staunen wir im Jahr 2017 noch, dass es „sogar“ eine Frau geschafft hat? Falls ja, ist für mich das Ziel weit verfehlt. Wollten wir doch gleiche Chancen über die Sprache suggerieren.

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte, denn sie werden Taten..

Unser Denken beeinflusst, was wir sagen und schreiben und umgekehrt. Aber können wir über eine unnatürliche Formulierung tatsächlich das Denken verändern? Ich habe Leute gesehen, die daran verzweifeln, die geforderten Schreibweisen für Gleichstellung einzuhalten. Unauffälliges Augenverdrehen hilft der Sache nicht. Im Gegenteil: Es ist ein unangenehmes Hindernis entstanden. Und auch dieses beeinflusst unser Denken. Wird die (sprachliche) Gleichstellung der Frau als anstrengend oder gar lächerlich empfunden, wie sollen Menschen sich dann beim Handeln dafür einsetzen?

Gleichberechtigung sollte in einen grösseren Kontext

Wir sollten Gleichstellung in einen grösseren Kontext stellen. Männlich und weiblich sind nur zwei Aspekte in hierarchischen Strukturen. Aber gleichstellen sollten wir Menschen in ihrer Vielfalt. Transmenschen (ich habe jemanden gefragt wie es korrekt heisst), ältere und junge Leute, Schwangere, Menschen mit körperlicher Behinderung, ungewöhnliche Lebensformen, Menschen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen oder fremden Kulturen.

Manche Sprachen kommen sogar ohne geschlechtsspezifische Pronomen aus. Dort ist ‚der’ Mensch weder männlich noch weiblich, sondern ein Mensch. Statt Sprach-Hindernisse weiter zu verteidigen, enttarnen wir lieber Diskriminierung im alltäglichen Handeln, gegenüber Menschen, die vermeintlich anders sind, aus dem „falschen“ Land kommen, einen komischen Dialekt sprechen, Transmenschen und viele weitere diskriminierende Beurteilungen erhalten.

Ich wünsche mir, dass wir unsere Sprache in klaren, verständlichen und respektvollen Formen nutzen, um damit mehr Gleichheit zu schaffen. Mit hinderlichen Sprachregelungen haben wir es jedenfalls nicht geschafft. Für mich ist die Idee der gendergerechten Sprache überholt, weil sie versagt hat.

Nachtrag 21.01.2019, hier wird schön deutlich, was Sprache bewirkt in unsrem Kopf. Um so erstaunlicher, weil es in englisch ist.

Meine Zeit als Neutrum in Sachen Politik ist vorbei. Genau jetzt.

update: 01.02.2017:
9 Dinge, die wir tun können. Beitrag in der Huffingtonpost: Leseempfehlung.

 

Ich möchte kein Neutrum sein, und Gelegenheiten zur Kommunikation nutzen. Gestern habe ich den Beitrag von Sascha Lobo über die haarsträubende Rede über Hr. Hoecke in meiner Heimat gelesen und ich wusste in diesem Augenblick, ich muss etwas an meinem Verhalten ändern. Es melden sich viele zu Wort (sicher schon lange vor mir) und Jürg hat seine Meinung auf dem Corp. Blog sogar öffentlich gemacht. Ich bin sicher, das wird Diskussionen geben, auch offline. Ich hatte erst gezögert, hier darüber zu schreiben. „Es gehört da nicht hin“ – Warum eigentlich nicht? Hier ist also ein sehr persönlicher Beitrag, den es auch auf FB gibt, inzwischen als öffentlichen Post. Herzlichen Dank für eure Unterstützung und die vielen Reaktionen, die auch über Chat kamen.

Mein Wunsch zum Beitrag über die o.g. Rede:

Lesen, entsetzt sein, Nazis erkennen, darüber reden, auch mit Leuten, die diesen aktuellen hochgefährlichen Weg gut finden….

Meine Zeit als Neutrum in Sachen Politik ist vorbei. Genau jetzt. #noneutrum

Ich habe beinahe 3 Jahrzehnte geschwiegen. Noch lange nach dem Mauerfall war ich an jeder Grenze schlimm nervös und ängstlich. Ich habe mit 14 entschieden, die damalige DDR zu verlassen. Gleichzeitig habe ich entschieden, dieses wichtigste Vorhaben meines jungen Lebens niemandem zu erzählen. Es war zu gefährlich, auch in meiner Familie. Vorallem dort. Ich war Jahre später bei den Demos dabei, immer mit dem Gefühl, es kann in Polit-Haft enden. Das willst du nicht, glaub mir. Mit 19 konnte ich offiziell „auswandern“, die Mauer war gefallen.

ich mit Fackel vor einem Denkmal, dass an Gefallene im Krieg erinnert

Danach war Politik für mich ein Dahingeplätscher. Natürlich hatte ich eine Meinung und die war ganz sicher nicht links, aber auch nicht rechts. Später in meiner Yogalehrerausbildung entdeckte ich eher eine Mitte für mich. Das halte ich für den schwersten Weg. In jeder Hinsicht. Das Urteilen ist oft ein Bekennen für das Gegenteil, doch dieses sollte man ebenso prüfen und in Frage stellen.

Als ich älter wurde, führte ich doch langsam wieder viele gehaltvolle politische Gespräche mit meinem Vater (ein aufrechter Kommunist, der Gysi verehrte und alle anderen der alten Linie auch) Ich habe gelernt, dass viele seiner Überzeugungen etwas mit Menschsein zu tun haben und dass in der DDR einfach viel schief gelaufen ist. Ich habe das dem Land, meinem Heimatland, längst verziehen.

 

 

Politik war für mich aber weiterhin Privatsache.

Als ich vor 15 Jahren in die Schweiz kam, wurde ich noch verschlossener mit meiner politischen Meinung. So als Ausländer. Und viele Jahre als PR Mensch. In Deutschland wählte ich nicht mehr, weil ich mich der Schweiz verbundener fühlte und natürlich Zusammenhänge in D auch nicht mehr so verstand, man wird „fremd im Heimatland“ und auch hier wieder nicht deutsch und nicht schweizerisch, immer in der Hoffnung, die SVP möge nicht die Oberhand gewinnen. Vielleicht wohne ich deshalb so nah an der Landesgrenze. Irgendwie beides nicht.

Ich bin in einem gespaltenen Land aufgewachsen. In einem Land, dass gespalten war, weil es einen (zwei) fürchterlich menschenverachtenden Krieg erlebte (und auslöste). Haarsträubende Verbrechen, unvorstellbar, und ein Land, mehrere, als involviertes Publikum. Meist betroffen, oder sollte ich getroffen sagen.

Heute muss ich sprechen. Einstehen für meine Meinung.

Das was jetzt in der Welt passiert, dürfen wir auf keinen Fall hinnehmen, zulassen oder gar fördern. Menschen, die intelligent sind, gebildet, einfach, oder auch nur suchend, dürfen das nicht übersehen.

Bitte geht wählen, erhebt eure Stimme für eine menschliche Politik, egal wo ihr wohnt. Es geht schon längst nicht mehr um Flüchtlingsproblematik, (oder eine Mauer zu Mexiko) Sondern hier ziehen Nazis auf – unverdeckt, offen – denen ich meine Stirn biete, wenn es irgendwie möglich ist.

Selbstverständlich werde ich das weiterhin gewaltfrei tun.

Bleibt mutig und danke für eure Wahnsinnsunterstützung. Bin überwältigt. Lasst uns weiter machen. #noneutrum